Spuren vom Krieg - Spuren vom Frieden
Kunst zur deutschen Geschichte und zu Erich Maria Remarque
Ein Anti-Gewalt-Projekt von Wagener & Wagener mit Schülern und Lehrern der Berliner Erich-Maria-Remarque-Oberschule
1993 bis 1997
In unserer allerersten
Konzeption zu diesem Projekt schrieben wir Ende 1993:
"Krieg und Gewalt sind seit Mitte der 80er Jahre zwei unserer Hauptthemen. Dabei meinten wir schon damals auch Gewalt, die außerhalb von Kriegen stattfindet: also z.B. Gewalt ohne körperliche Schmerzen oder Mord und Totschlag. So war und ist auch psychische Gewalt von totalitären Regimes (z.B. deutscher National- und Realsozialismus) gegenüber der eigenen Bevölkerung für uns eine sehr wichtige Frage. Nach dem Zusammenbruch des SED-Staates konnten wir dann auch öffentlich und im tatsächlichen Zusammenhang die entstandenen Werke zeigen.
Auf der Grundlage dieser
Erfahrungen haben wir nun ein Projekt in dieser Schule vorbereitet. Hier ist das
vordergründige Ziel die Gestaltung des Foyers entsprechend dem zukünftigen
Namen 'Erich Maria Remarque'. Aber genau wie bei unseren anderen Projekten, ist
es ein zweites und fast ebenso wichtiges Ziel, die späteren Kunstkonsumenten in
den Kunstprozeß einzubeziehen (also die Schüler und die Eltern und
Großeltern, die Lehrer, aber auch andere interessierte Bürger dieses Bezirkes
Hellersdorf). Dabei soll auch viel gelernt werden, aber nicht nur die Schüler
sollen lernen. Wir wollen alle Beteiligten zu einem leider etwas aus der Mode
gekommenen Verhalten anregen: zum Gespräch miteinander! Der konkrete Anlaß zu
so exotischen Tun ist nun wieder das von uns geplante Kunstobjekt in Foyer.
Gemeinsam mit allen, die Lust dazu haben, werden wir Dokumente und Zeitungen,
aber auch Aussagen von Zeitzeugen, Fotos usw. sammeln und sie danach zu einem
räumlichen Vieltafelbild (sehr große Collagen aus Fotokopien auf einer
Raumplastik) zusammenstellen. Dadurch erzeugen wir aber nicht nur ein Kunstwerk,
sondern 'erzwingen' auch Gespräche zur deutschen Geschichte (ab 1870) und
Gegenwart zwischen ganz verschiedenen Generationen. Ein bißchen Mut gehört
allerdings schon dazu, andere Menschen nach ihrer Vergangenheit oder nach ihrer
Meinung zur Gegenwart zu fragen, aber eine spannende Sache ist es ganz bestimmt.
Und gelernt wird dabei jede Menge - auch von denen, die eigentlich die Fragen
beantworten sollen. Scheinbar unumstößliche Vorurteile und Überzeugungen
werden vielleicht ins Wanken kommen. Sicher wird sich aber zeigen, daß eine
solche Unterhaltung sehr aufregend und gefährlich, meist jedoch
einfach schön
ist. Nur eines ist so gut wie ganz ausgeschlossen bei diesem
Kunst-Projekt:
LANGEWEILE!"
Und dann passierte
Erstaunliches: Der Plan gelang. Wir sprachen und stritten mit
Lehrern und
Schülern. Alle lasen Remarque und lernten aus dessen Leben und Werk (wie wir
schon ahnten!) manchmal auch ziemlich verschiedene Dinge. Der Entwurf für die
dreiteilige Raumplastik zu den Themen "Krieg", "Frieden" und
"Remarque, Leben und Werk" wurde noch 1993 bestätigt. Der Berliner
Senat, das Bezirksamt Hellersdorf, die Robert-Bosch-Stiftung und das
Osnabrücker Remarque-Archiv unterstützten das Projekt. Das Sammeln der
verschiedensten Dokumente und Objekte und auch die Gespräche mit Schülern und
Lehrern kamen
jetzt so richtig in Schwung. Im Raum 306, der unser
ständiger
Arbeitsraum wurde, türmten sich bald immer mehr große und kleine Kopien.
Unsere Methode blieb während der gesamten Arbeit dieselbe: Zuerst im Team
(früher auch gut als Kollektiv bekannt!) mit möglichst vielen Schülern und
Lehrern Arbeitsschritte, Themen und Gestaltungsmöglichkeiten diskutieren und
dabei auch viel zuhören . Aber dann ganz genauso konsequent in Klausur gehen
und dort die Künstler (hier
W&W) die Kunst machen lassen. Diese Methode
garantierte auch, daß sehr intensive Mitarbeit von Schülern und Lehrern mit
wirklicher künstlerischer Qualität der Gestaltung verbunden werden konnte.
Ganz nebenbei vertieften wir so auch wieder unsere Erfahrungen mit heutiger
Schule und die Schüler und Lehrer wissen jetzt sicher mehr über die Arbeit von
Berufskünstlern.
Im Foyer der
Erich-Maria-Remarque-Oberschule steht nun die fertige Raumplastik. Die
praktische Funktion der Sockel als Sitzgelegenheit hat sich voll
bewährt.
Dieses Foyer ist ein Ort zum Verweilen. Wer will und kann, ist darüber hinaus
noch eingeladen, in die deutsche Geschichte einzutauchen und über den Dichter
Remarque nachzudenken oder ein paar Zitate aus seinen Werken zu lesen. Viele
Menschen werden gewiß auch ganz ohne den folgenden Text unsere Gefühle und
Gedanken nachvollziehen können. Aber: Sicher ist bekanntlich sicher! Daher
folgt hier eine Foyer-Impression:
Dieses Foyer ist schön! Ein toller Mann, der mit dem Hut und der Zigarette. Das fanden wohl auch die vielen Frauen, die er kannte. Aber ganz jung und in der Uniform mit EK I und Schäferhund sieht er auch gut aus. Nach dem heißt unsere Schule?! Spannend!
Dieses Foyer ist gefährlich! Der Krieg sieht aus, wie ein großes, einstürzendes Kartenhaus oder wie eine seiner vielen Ruinen. Manche Fotos kann man kaum ansehen: So viel Elend, so viele Verbrechen. Die in der gestreiften Häftlingskleidung waren damals in Auschwitz nicht älter als wir heute. Und die Bomber, wenn die so über einem sind ... Aber in der DDR war doch gar kein Krieg, da war Sozialismus - bloß wenn einer weg wollte, auf den haben sie geschossen und sagen durfte man auch nichts "Falsches".
Dieses Foyer ist friedlich! Das hier mit den weißen Pferden ist der Frieden. Und die vielen Trabis! Alle wollten in den Westen, nach der Wende. Und der Junge mit dem Schild "Nachhilfe für Schulräte!". Das war eben doch eine richtige Revolution! So ganz sicher stehen der Frieden und die Freiheit aber nun auch wieder nicht, oder? Ob das auch eine der Botschaften dieser Kunst ist?
Da kamen W&W des Wegs und sagten: "Ja! Und lest auch mal die Remarque-Zitate! Kann nichts schaden, oder? Vielleicht machen sie euch ja Lust auf mehr."
